Artikel 10 — Die Seelenwanderung
Die Seelenwanderung: Kann eine Seele in einen bereits lebenden Körper eintreten?
Das Ziel des Weisen — Tor Nummer Zehn
Text wird auf Deutsch gelesen
Und wenn eine Seele einen menschlichen Körper verlassen könnte, ohne dass dieser stirbt, um dann in einen anderen, bereits lebenden Körper einzutreten?
Diese Frage bildet den Ausgangspunkt für das zehnte Tor im Buch Das Ziel des Weisen.
Nachdem er die Reinkarnation und die Raj'a untersucht hat, führt Abdullah Hashem Aba Al-Sadiq (Von ihm ist der Friede) eine wesentliche Unterscheidung zwischen mehreren Formen der Versetzung oder Rückkehr der Seele ein.
Das Kapitel stützt sich insbesondere auf die Evangelien, auf die Erzählungen über Johannes den Täufer und Elia sowie auf Lehren, die Ahmed Al-Hassan zugeschrieben werden.
Es bietet ein Verständnis der menschlichen Identität, in dem Seele und Körper nicht notwendigerweise dauerhaft miteinander verbunden wären.
1. Reinkarnation und Seelenwanderung: Worin besteht der Unterschied?
Das Buch beginnt mit der Definition mehrerer Begriffe.
Die Reinkarnation bezeichnet die Wiedergeburt einer Seele in einem neuen menschlichen Körper.
Die Seelenwanderung hingegen bezeichnet den Übergang einer Seele von einem menschlichen Körper in einen anderen, bereits lebenden menschlichen Körper, ohne notwendigerweise eine neue Geburt zu durchlaufen.
Diese Unterscheidung ist grundlegend.
Im ersten Fall kehrt die Seele durch eine Geburt zurück.
Im zweiten könnte sie in einen Körper eintreten, der bereits eine biologische Geschichte besitzt.
Das Kapitel stellt diese Möglichkeit als geistige Wirklichkeit dar, obwohl sie durch die zeitgenössischen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht belegt ist.
2. Kann eine Seele einen Körper vor dessen Tod verlassen?
Nach der im Buch dargelegten Lehre könnte eine Seele einen Menschen verlassen, während sein Körper am Leben bleibt.
Der Autor hält es sogar für möglich, dass ein Körper nach einem solchen Weggang über einen längeren Zeitraum weiterleben kann.
Dieser Vorschlag stellt das übliche Verständnis der persönlichen Identität infrage.
Wir verbinden eine Person im Allgemeinen mit ihrem Körper, ihrem Gedächtnis und der Kontinuität ihrer Existenz.
Doch aus der Sicht des Kapitels könnte die geistige Identität einer anderen Bahn folgen als der physische Körper.
Es handelt sich um eine dem Werk eigene metaphysische Behauptung und nicht um eine medizinische oder wissenschaftliche Beschreibung der Funktionsweise des Menschen.
3. Die fünf im Kapitel vorgestellten Begriffe
Das zehnte Tor unterscheidet fünf Konzepte:
- Reinkarnation: Wiedergeburt der Seele in einem neuen menschlichen Körper.
- Seelenwanderung: Übergang der Seele in einen anderen, bereits lebenden menschlichen Körper.
- Maskh: Wiedergeburt einer menschlichen Seele in tierischer Gestalt.
- Raskh: Übergang einer menschlichen Seele in eine unbelebte Form, etwa einen Stein.
- Faskh: Übergang einer menschlichen Seele in eine Pflanze oder einen Baum.
Diese Kategorien gehören zu dem im Buch entwickelten geistigen System.
Sie erlauben es dem Autor, eine vielschichtige Vision der möglichen Verwandlungen und Versetzungen der Seele darzulegen.
4. Für wen hielten die Menschen Jesus?
Eines der Hauptargumente des Kapitels beruht auf dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 16.
Jesus fragt seine Jünger, welche Identität ihm die Menschen zuschreiben.
Die Antworten nennen insbesondere Johannes den Täufer, Elia, Jeremia und andere Propheten.
Das Buch deutet diese Antworten als Hinweis darauf, dass manche Menschen jener Zeit die Rückkehr prophetischer Gestalten in Betracht zogen.
Die Erwähnung Johannes des Täufers ist in seiner Argumentation besonders wichtig.
Da Johannes und Jesus zur selben Zeit lebten, hält der Autor es für möglich, dass diese Gleichsetzung auf eine Übertragung der Seele in einen bereits erwachsenen Körper verweist.
Dieser Schluss ist der Auslegung des Buches eigen. Die traditionellen christlichen Exegesen betrachten diese Stelle im Allgemeinen nicht als Beweis für eine Seelenwanderung.
5. Johannes der Täufer und Elia: das Geheimnis der Rückkehr
Das Kapitel untersucht sodann die Worte Jesu über Johannes den Täufer und Elia.
Im Evangelium nach Matthäus, Kapitel 11, bringt Jesus Johannes den Täufer mit dem Elia in Verbindung, der kommen sollte.
Der Autor deutet diese Beziehung als Hinweis auf die Rückkehr der Seele des Elia.
Er berichtet auch, dass Ahmed Al-Hassan (Von ihm ist der Friede) diese Auslegung bestätigt haben soll.
Diese Lesart steht im Gegensatz zu anderen religiösen Auffassungen, nach denen Johannes der Täufer eine mit der des Elia vergleichbare Mission erfüllt, ohne notwendigerweise die Reinkarnation derselben Seele zu sein.
Das Kapitel lädt somit dazu ein, über den Unterschied zwischen geistiger und historischer Identität nachzudenken.
6. Die Taufe Jesu und die Weitergabe der Mission
Das Buch misst der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer besondere Bedeutung bei.
Es stellt dieses Ereignis als eine Stufe der Weitergabe geistiger Autorität dar.
Nach dieser Lesart ist die Taufe nicht nur ein Akt der Reinigung.
Sie markiert auch den Übergang von einer Mission zu einer anderen.
Der Autor zieht eine Parallele zum Ereignis von Ghadir Khumm, das in der schiitischen Tradition mit der Bestimmung des Ali ibn Abi Talib verbunden wird.
Das gemeinsame Thema ist das der Nachfolge.
Wie setzt sich eine göttliche Mission fort, wenn ein Gesandter die Bühne der Geschichte verlässt?
7. Die Verklärung Jesu
Das zehnte Tor untersucht auch die Erzählung von der Verklärung.
In den Evangelien erscheint Jesus in leuchtender Herrlichkeit, begleitet von Mose und Elia.
Der Autor deutet diese Episode im Licht seiner Seelenlehre.
Er sieht darin einen Hinweis darauf, dass geistige Wirklichkeiten unabhängig von der gewöhnlichen Gegenwart des physischen Körpers in Erscheinung treten können.
Die Verklärung wird so zu einem Element des Nachdenkens über die verschiedenen Erscheinungsformen der geistigen Identität.
8. Sind wir nur unser Körper?
Dieses Tor wirft eine tiefe philosophische Frage auf.
Was bestimmt wirklich eine Person?
Ihr körperliches Erscheinungsbild?
Ihre Erinnerungen?
Ihre Familiengeschichte?
Oder eine geistige Wirklichkeit, die über diese Elemente hinausgeht?
Aus der Sicht des Buches ist der Körper eine vorübergehende Daseinsform, während die Seele eine ihr eigene Kontinuität besitzt.
Diese Unterscheidung erlaubt es dem Autor, die Seelenwanderung mit der Lehre von der Rückkehr und den Lehren über die geistigen Familien zu verbinden.
Schluss — Das Geheimnis der menschlichen Identität
Das zehnte Tor des Ziels des Weisen bietet eine Auffassung der Seele, die über die Reinkarnation im üblichen Sinn hinausgeht.
Es unterscheidet mehrere Formen der Rückkehr und des Übergangs von einem Körper in einen anderen.
Anhand der Erzählungen über Jesus, Johannes den Täufer und Elia lädt es den Leser ein, die Beziehung zwischen physischer und geistiger Identität neu zu prüfen.
Wenn sich der Körper ändert, die Seele aber bleibt, was macht dann unsere wahre Identität aus?
Diese Frage führt uns folgerichtig zum elften Tor: Die Familie der Seele.