Artikel 16 — Das menschliche Ego
Das menschliche Ego: den Nafs verstehen, seine Begierden meistern und seine Seele läutern
Das Ziel des Weisen — Tor Nummer Sechzehn
Text wird auf Deutsch gelesen
Warum wissen wir manchmal, was richtig ist, und handeln dennoch gegen unser eigenes Gewissen? Warum können Stolz, Eifersucht oder Zorn über unsere besten Absichten die Oberhand gewinnen?
Der Kampf gegen das Ego ist ein bedeutendes Thema der geistigen Traditionen.
Die Propheten haben die Menschen dazu aufgerufen, ihre schlechten Neigungen zu überwinden, ihre Begierden zu meistern und die innere Läuterung zu suchen.
Aber was ist das Ego genau?
Im sechzehnten Tor des Ziels des Weisen überliefert Abdullah Hashem Aba Al-Sadiq (Von ihm ist der Friede) Lehren Ahmed Al-Hassans (Von ihm ist der Friede) über das Wesen des Nafs, seine Entstehung und seine Beziehung zur Seele.
Dieses Tor bietet eine grundlegende Unterscheidung zwischen der Seele, dem guten Selbst, dem schlechten Selbst und dem beruhigten Selbst.
1. Was ist der Nafs?
Der arabische Begriff Nafs kann je nach Kontext das Selbst oder die Person bezeichnen.
Im Kapitel wird er mit der inneren Dimension des Menschen verbunden, die empfindet, begehrt und auf Erfahrungen reagiert.
Das Buch erinnert daran, dass die religiösen Traditionen den Kampf gegen die schlechten Neigungen oft als wesentliche geistige Verantwortung dargestellt haben.
Es erwähnt insbesondere die Lehren Jesu, des Propheten Muhammad und des Imams Ali über den Verzicht auf das Ego und die Selbstbeherrschung.
Doch Ahmed Al-Hassan gibt nach der Erzählung eine besondere Erklärung: Das Selbst bildet und verwandelt sich durch die menschlichen Handlungen.
2. Bauen unsere Handlungen unser Ego auf?
Eine der zentralen Lehren dieses Tores besagt, dass das Selbst durch unsere Taten geformt wird.
Jede Handlung trüge dazu bei, bestimmte innere Haltungen zu stärken.
Ein Mensch, der Großzügigkeit, Geduld und Aufrichtigkeit pflegt, entwickelte nach und nach entsprechende Neigungen.
Umgekehrt stärkte ein Mensch, der ständig Neid, Zorn oder Stolz nährt, diese Verhaltensweisen.
Das Buch stellt das Selbst somit als dynamische Wirklichkeit dar.
Es ist nicht einfach ein unveränderliches Merkmal.
Es entwickelt sich entsprechend dem, was wir tun.
3. Die Rolle der Sinne bei der Bildung des Selbst
Nach der überlieferten Lehre wirken die Sinne an der Bildung des Selbst mit.
Sehen, Hören, Tasten und Schmecken prägen unsere Erfahrung der Welt.
Sie setzen uns Situationen aus, die Gefühle, Begierden und Reaktionen hervorrufen.
Das Kapitel stellt eine Verbindung zwischen diesen Erfahrungen und der Entwicklung innerer Neigungen her.
Diese Auffassung lädt dazu ein, über den Einfluss unserer Umgebung nachzudenken.
Was wir ansehen, was wir hören und welche Gewohnheiten wir pflegen, kann unser Verhalten nach und nach lenken.
4. Das gute Selbst und das schlechte Selbst
Das Buch unterscheidet zwei Dimensionen des Selbst.
Das gute Selbst
Das gute Selbst entwickelt sich durch positive Handlungen.
Es wird mit Großzügigkeit, Selbstbeherrschung und dem göttlichen Willen entsprechendem Verhalten verbunden.
Nach dem Kapitel besitzen gute Taten bei der Entwicklung dieser Dimension eine besondere Kraft.
Das schlechte Selbst
Das schlechte Selbst wird durch negative Verhaltensweisen genährt.
Neid, übermäßiges Streben nach Macht, ungerechtfertigter Zorn und gewissenswidrige Taten können seinen Einfluss stärken.
Aus dieser Sicht ist das innere Leben von einem Kampf zwischen gegensätzlichen Neigungen geprägt.
Das geistige Ziel besteht darin, das gute Selbst über das schlechte herrschen zu lassen.
5. Sind gute Taten mächtiger als schlechte?
Eine besonders ermutigende Lehre des Kapitels betrifft die Kraft guter Taten.
Ahmed Al-Hassan erklärt nach der Erzählung, dass die positive Wirkung einer guten Tat auf das gute Selbst größer sei als die negative Wirkung einer schlechten Tat auf das schlechte Selbst.
Das Buch stellt diesen Unterschied als einen dem Menschen auf seinem geistigen Weg gewährten Vorteil dar.
Das bedeutet, dass die innere Verwandlung möglich bleibt.
Ein Mensch ist nicht notwendigerweise dazu verurteilt, Gefangener seiner schlechten Gewohnheiten zu bleiben.
Er kann sich nach und nach verändern, indem er bessere Verhaltensweisen entwickelt.
6. Der Unterschied zwischen Seele und Selbst
Das sechzehnte Tor trifft sodann eine wesentliche Unterscheidung.
Nach dem Buch ist die Seele die Wirklichkeit, die sich reinkarniert und verschiedene Existenzen durchläuft.
Das Selbst hingegen sei mit der Erfahrung eines bestimmten Körpers verbunden.
Die Seele bewahre von einer Inkarnation zur anderen bestimmte Merkmale.
Das Selbst werde durch die im Lauf des Daseins gemachten Erfahrungen, Gefühle und Handlungen geformt.
Diese Unterscheidung erlaubt es dem Autor, die Lehren über das Ego mit den vorhergehenden Toren zur Reinkarnation und zur Seelenwanderung zu verbinden.
7. Was ist das beruhigte Selbst?
Eines der wichtigsten Konzepte des Kapitels ist das des beruhigten Selbst.
Nach Ahmed Al-Hassan entspricht das beruhigte Selbst einem Zustand der Harmonie zwischen dem Selbst und der reinen Seele.
Es handelt sich nicht mehr um einen dauernden Kampf zwischen gegensätzlichen Neigungen.
Das Selbst wäre mit der geistigen Wirklichkeit der Seele vereinbar geworden.
Diese Harmonie stellt einen besonderen Zustand innerer Erfüllung dar.
Im Buch unterscheidet sich das beruhigte Selbst von den anderen Formen des Selbst auch durch seine Beziehung zur Kontinuität der geistigen Existenz.
8. Besitzen Engel ein Ego?
Das Kapitel stellt einen weiteren besonderen Gedanken vor.
Nach der überlieferten Lehre besäßen nicht alle in menschlicher Gestalt inkarnierten Wesen notwendigerweise ein Selbst im beschriebenen Sinn.
Der Autor erwähnt insbesondere Engel, die eine menschliche Gestalt angenommen hätten.
Er nennt im Rahmen dieser Lehre Gabriel, Michael und Raphael.
Diese Auffassung gehört in die metaphysische Sicht dieses Buches.
Sie ist kein Mittel, um die geistige Natur eines Menschen anhand seines Verhaltens oder seines Aussehens objektiv zu bestimmen.
9. Kann man die Stärke der Seele an den Reaktionen des Körpers erkennen?
Das Tor überliefert auch eine Lehre über bestimmte unwillkürliche Gesten.
Ahmed Al-Hassan verbindet verschiedene körperliche Reaktionen, insbesondere die auf den Kopf, die Brust oder die Schenkel gerichteten Gesten, mit der Beziehung zwischen dem Selbst und der Seele.
In der Logik des Buches könnten diese Erscheinungen Unterschiede in ihrem inneren Gleichgewicht widerspiegeln.
Es handelt sich um eine dem Kapitel eigene geistige Auslegung.
Diese Gesten sind keine wissenschaftlichen Tests, mit denen sich die Qualität einer Seele oder der moralische Wert eines Menschen beurteilen ließe.
10. Wie beginnt man, sein Ego zu verwandeln?
Die Lehren dieses Tores können ein konkretes Nachdenken über unsere Gewohnheiten nähren.
Die innere Verwandlung beginnt mit der Beobachtung unserer Reaktionen.
Wenn wir kritisiert werden, versuchen wir sofort, uns zu verteidigen?
Wenn jemand Erfolg hat, empfinden wir Freude für ihn oder Neid?
Wenn wir einen Fehler begehen, sind wir fähig, ihn zuzugeben?
Wenn wir die Möglichkeit haben zu helfen, handeln wir aus Großzügigkeit oder um Anerkennung zu erhalten?
Diese Fragen helfen, die Mechanismen des Ego besser zu verstehen.
Das Buch betont die Macht wiederholter Handlungen.
Geduld entwickelt sich, indem man Geduld übt.
Großzügigkeit entwickelt sich, indem man gibt.
Demut entwickelt sich, indem man die eigenen Grenzen anzuerkennen bereit ist.
11. Vom inneren Kampf zum Frieden der Seele
Das sechzehnte Tor stellt das Ego nicht nur als Feind dar.
Es erklärt auch, wie das Selbst verwandelt werden kann.
Das Ziel ist nicht, jede Emotion oder jede Individualität zu leugnen.
In der dargelegten Lehre geht es darum, das Selbst so weit zu entwickeln, dass es mit der reinen Seele in Harmonie steht.
Die Selbstbeherrschung wird dann zu einer Stufe auf dem Weg zu einem tieferen inneren Frieden.
Diese Sichtweise knüpft an das Thema des beruhigten Selbst an, das eine der wesentlichen Lehren des Kapitels bildet.
Schluss — Ist unser größter Kampf ein innerer?
Das sechzehnte Tor des Ziels des Weisen bietet eine Erkundung des Nafs und seiner verschiedenen Dimensionen.
Es stellt das Selbst als eine durch Handlungen geformte Wirklichkeit dar, unterscheidet das gute vom schlechten Selbst und beschreibt das beruhigte Selbst als einen Zustand der Harmonie mit der Seele.
Seine zentrale Lehre lädt uns ein, uns unserer Verantwortung für die eigene Verwandlung bewusst zu werden.
Wenn unsere Handlungen nach und nach aufbauen, was wir werden, was für ein Mensch erschaffen wir dann durch unsere täglichen Entscheidungen?
Diese Frage lädt jeden ein, sein Verhalten zu prüfen und seinen geistigen Weg fortzusetzen.